Verbände – die Hidden Champions unter den Arbeitgebern

Die Nachwuchs-Generation steht in den Startlöchern: Mitte/Ende 20, zunehmend akademisch ausgebildet und gerade auf dem Sprung ins Berufsleben. Auf ihrer Arbeitgeber-Attraktivitätsliste stehen Start-ups aktuell ziemlich weit oben, außerdem vielleicht noch kleine und spezialisierte Beratungshäuser oder Agenturen. Im Gegensatz dazu schwärmt kaum jemand mit Überzeugung von seiner angestrebten Karriere bei einem Verband. Warum eigentlich? Dies ist ein Plädoyer dafür, dass es für junge Menschen großartig ist, in einem Verband zu arbeiten!

Dorothea Stock

Schöne neue Arbeitswelt: Der obligatorische Tischkicker, gechillte Kultur, weniger Geld, dafür mehr Idealismus, das Streben nach Sinn und mindestens einmal die Woche Party mit Arbeitskollegen, die auch gleichzeitig die besten (und einzigen?) Freunde sind – Stichwort: Es fühlt sich hier gar nicht wie Arbeit an! Agile Methoden, Post-it’s an Glaswänden, Sofa-Lounges und vegane Kantine – wegen Umwelt und so. Matetee, Limonaden mit Wortwitz-Namen und naturtrübe Apfelschorle von regionalen Streuobstwiesen. Alle sehen supercool und lässig aus, tragen Sneaker aus Special-­Editions und Mantelschürzen mit Retromuster vom Pop-up-Vintagesale.

Es kommt die Frage auf, ob so viel demonstrierte Coolness, zelebrierter Individualismus und betonte Lässigkeit noch zu ertragen sind. Viel weniger aufgesetzt, dafür aber entspannt und bodenständig sind Verbände als Arbeitgeber. Nicht zu glauben? Alles eine Frage der Perspektive! Mit Hipster-Kollegen punkten Verbände zwar (meist) nicht – sie sind allerdings nicht so weit von Start-ups entfernt, wie man annehmen könnte. Denn Verbände bieten schon aufgrund ihrer Organisationsform viele Besonderheiten, die als Arbeitgeber gerade für die junge Generation interessant sind. Es ist Zeit, Verbände aus der konservativen Schnarch-Ecke zu holen und dem Image ein Facelift zu verpassen!

Wohlfühlfaktor Organisationskultur

Kleine Teams, familiäre Kultur, flache Hierarchien, kooperativer Arbeitsstil – das, was sich Start-ups auf die Fahne schreiben, lässt sich eins zu eins auf Verbände übertragen. Zwar sind die Kollegen nicht ganzkörpertätowiert, dafür aber oft herzlich, authentisch und hilfsbereit. In den Geschäftsstellen mit durchschnittlich fünf bis fünfzehn Mitarbeitern lernt man sich schnell und gut kennen. Viele Kollegen arbeiten schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten zusammen, haben bereits Familie und Kinder und so herrscht auch in Geschäftsstellen eine Kultur von Umsichtigkeit und Gemeinschaft. Auch aus diesem Grund besteht meist die Möglichkeit für flexible Arbeitszeiten und Teilzeitbeschäftigungen – Benefits, wichtiger denn je, seit Work-Life-Balance und Quality-Time in aller Munde sind. Gerade weil das Team überschaubar ist, gibt es oft keine oder nur flache Hierarchien. Dank kurzer Wege ist die Zusammenarbeit eng und kollegial. Auch was die Bezahlung angeht, müssen sich Verbände nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Für eine faire Vergütung genießt man geregelte und planbare Arbeitszeiten sowie in der Regel kaum Überstunden.

Job-Anforderung: Was mit Menschen

Doch wie sieht es mit den Aufgaben aus? Was machen Verbände eigentlich genau und kann man dort auch „Spaß“ haben – geschweige denn Erfüllung finden? Aber sicher! Das Aufgabengebiet in diesen Organisationen ist deutlich vielschichtiger, als allgemein angenommen wird. Dabei gibt es kreative, systematische und soziale Tätigkeitsbereiche, die nicht zuletzt durch die Interaktion mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen viel Abwechslung bieten. Verbände sind die Personifikation des Job-Anspruchs „… auf jeden Fall was mit Menschen“! Aufgrund der besonderen Struktur, Sprachrohr für und von Mitgliedern zu sein, ist es Kernaufgabe der Verbände, interne Stimmungen aufzufangen, zu aggregieren und extern zu vertreten. Aus der engen Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen ergeben sich außerdem spannende Dynamiken: So handelt die Geschäftsstelle im Namen der Mitglieder, greift Trends auf und übersetzt diese in Maßnahmen. Sich immer wieder abzustimmen, aufeinander einzugehen, Diskussionen zuzulassen und Tendenzen zu erkennen, ist ein außergewöhnlich spannender Prozess. Daran mitzuwirken ist ebenso besonders wie lehrreich!

Aufgabengebiete: Traumhaft!

Für die kontinuierliche interne Kommunikation mit den Mitgliedern wird üblicherweise eine Zeitschrift erstellt und herausgegeben. Kreative Gestaltungsarbeit, Design und Layout sind dafür ebenso notwendig wie die Konzeption von Redaktionsplänen, Agenda-Setting und Storys. Meist kümmern sich nur einige wenige Kollegen um dieses Aufgabengebiet. Entsprechend ergibt sich ein umfang- und abwechslungsreiches Aufgabengebiet, das Freiheit in der Federführung zulässt – ein Traum für junge Kreative!

Für die Mitgliederzeitschrift, aber auch für die öffentliche und politische Kommunikation müssen Texte, Stellungnahmen und Berichte verfasst werden. Außerdem müssen Social-Media-Kanäle und Websites betreut und aktuell gehalten werden. Dafür bedarf es einerseits Gespür für den Umgang mit Sprache und andererseits Branchenwissen, journalistisches Know-how und Fingerspitzengefühl bei der Aufbereitung von Informationen – ein Traum für Textakrobaten und Public-Relations-Affine.

Fachliche Expertise zu den Interessen des Verbandes wird besonders von Referenten erwartet. Sie haben die Aufgabe, mit Politik, Presse und Medien zu interagieren, und sind an diesen Stellen das Sprachrohr der Mitglieder. Dabei wird ihren Einschätzungen viel Gewicht zugemessen und sie haben die Rolle von Vertretern des Verbandes. Dieses Aufgabengebiet verbindet die Anforderungen hoher fachlicher und besonderer Sozialkompetenz. Es ist notwendig, sich empathisch, aber auch inhaltlich auf das Gegenüber einzustellen und angemessen auf es einzugehen – ein Traum für kompetente Netzwerker und Socializer.

Außerdem sind Verbände die Könige, wenn es um Veranstaltungen und Events geht! Aufgrund ihrer Rechtsform veranstalten sie regelmäßige Mitgliederversammlungen. Neben satzungsgemäß notwendigen Tagesordnungspunkten stehen besonders Austausch, Gemeinschaft und Erlebnis im Vordergrund. Deshalb müssen mindestens jährlich Events in hippen Locations mit guter Musik und tollem Catering organisiert werden. Darüber hinaus richten manche Verbände noch Branchenkongresse oder Messen mit Rahmenprogramm und Seminaren aus, bei denen es einen großen Gestaltungsspielraum gibt und auch kreative Netzwerkformate Platz finden – ein Traum für innovative Organisationstalente!

Eine weitere Besonderheit von Verbänden ist, dass sie oft in Dachorganisationen oder kooperative Verbandsnetzwerke eingebunden sind. Unterschiedliche Aktivitäten werden gemeinschaftlich konzeptioniert, geplant, abgestimmt und durchgeführt, wie zum Beispiel Kampagnen oder besondere Aktionen zur öffentlichen Interessenvertretung – ein Traum für strukturierte Projektmanager!

Darüber hinaus erbringen Verbände spezifische Dienstleistungen für Ihre Mitglieder – wie beispielsweise Rechtsberatung oder Beratung zu fachlichen Fragen. Auch hieraus ergeben sich interessante Tätigkeitsbereiche – ein Traum für Spezialisten mit Passion für die Sache!

Außergewöhnlich ist, dass keines der Tätigkeitsgebiete einen Ausschließlichkeitsanspruch hat, sondern in den meisten Fällen viele Überschneidungen existieren: Steht eine große Messe an, sind alle Kollegen vor Ort und betreuen Gäste und Teilnehmer. Klingelt das Telefon in der Geschäftsstelle, ist jeder für Mitgliederservices mitverantwortlich. Werden Kommunikationsmedien erstellt, arbeiten Referenten, Fachabteilungen und Kreative zusammen – ebenso bei Kampagnen und besonderen Projekten. Welcher andere Arbeitgeber bietet ein derartig abwechslungsreiches Aufgabengebiet mit solch breit gefächerten Tätigkeiten bei einem so hohen interdisziplinären Grad an Teamarbeit?!

Ein Job mit Sinn?

Und nun – Grande Finale im Kampf um die Gunst von jungen Talenten –, was ist sinnstiftend an der Arbeit in Verbänden? Warum gibt es sie eigentlich und was bringen sie? Bei dieser Frage sind Verbände im Vergleich zu jeder anderen Organisationsform unangefochtener Sieger – einerseits, weil sie auf die Erfüllung eines inhaltlichen Zwecks ausgerichtet sind, und andererseits, weil sich ihre Existenz aus den Grundfesten der Demokratie legitimiert.

Bei Verbänden ist das oberste Ziel nicht die Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern der Einsatz für einen als gemeinnützig anerkannten Satzungszweck, auf den sich alle Mitglieder verständigt haben und unter dem sie sich vereinen. Dies entspricht absolut dem aktuellen Trend zum idealistischen Streben für eine bestimmte Sache – ein Organisationsziel mit Sinn! Dabei gibt es die unterschiedlichsten Verbände mit den ungewöhnlichsten Themen: sei es Handwerk, Wirtschaft, Soziales, Umwelt oder Kultur. Jeder kann entsprechend seinen Überzeugungen die passende Organisation finden.

Außerdem lohnt sich ein Blick auf die generelle gesellschaftliche Legitimation von Verbänden. Diese haben sich als Urform von gesellschaftlichen Zusammenschlüssen historisch schon sehr früh entwickelt und nach der Auflösung monarchischer Machtstrukturen zunehmend in die heute bekannte Form gewandelt. Sie sind ein fester Bestandteil der Demokratie, weil Bürgern, Unternehmen oder Organisationen der Zusammenschluss zu Verbänden ermöglicht, sich auf eigene Initiative zu organisieren, für ihre Ideen und Überzeugungen einzustehen und auf die Politik Einfluss zu nehmen. Alle Verbände haben das gleiche Recht, bei der Politik ihre Anliegen vorzubringen. Umgekehrt ist die Politik in relevanten fachlichen Fragen auf die Expertise von Verbänden angewiesen. Die Interaktion von Politik und Verbänden ist deshalb wichtig und von Partnerschaftlichkeit geprägt. Dabei ist die Verbändelandschaft in Deutschland sehr vielfältig und deckt die unterschiedlichsten Themenbereiche ab. Durch diesen Pluralismus verschiedenster Ideen, die an die Politik herangetragen werden, entsteht Gemeinwohl. Wie großartig ist es also für einen jungen, idealistischen Menschen, an der Entstehung von Gemeinwohl mitzuwirken?! Wie aufregend ist es, Demokratie zu leben und aktiv Einfluss auf Politik und Gesetzgebung zu üben?!

Zusammenfassend: Das Generation-­Y-Herz lacht! Verbände bieten in allen relevanten Bereichen eines wünschenswerten Arbeitgebers viele außergewöhnliche Facetten. Besonders die interdisziplinären Aufgabengebiete, die flexible Arbeitszeitgestaltung und die Untermauerung mit Sinn sind in der Kombination ein Alleinstellungsmerkmal dieser Organisationsform, das praktisch nicht zu toppen ist. Dabei sind Verbände meist trotzdem entspannt, familiär und sympathisch. Es kann also nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das herumspricht!

PS: Ein Tischkicker kann in der Geschäftsstelle trotzdem nicht schaden!

PPS: eine Sofa-Lounge für kreativen Austausch und regionale Apfelschorle mit Wortwitz-Name auch nicht!


Dorothea Stock studierte BWL mit Schwerpunkt auf Stiftungen und Verbände an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und absolvierte ihre Praxisphasen beim DGVM-Mitglied Fachverband Beton- und Fertigteilwerke Baden-Württemberg e. V. in Stuttgart-Ostfildern. Seit 2016 studiert sie im Master Wirtschaftspsychologie und verfasst aktuell ihre Masterthesis mit dem Thema „Vertrauen gegenüber Verbänden“. Parallel dazu ist sie Teil des DGVM-Teams und der Verbändereport-Redaktion.

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